Querkraft- und Momentenverlauf zeichnen — Schritt für Schritt (+ interaktive Beispiele)

Beim Querkraft- und Momentenverlauf hört die Statik auf, abstrakt zu sein: Zwei einfache Diagramme zeigen, wo ein Träger am härtesten arbeitet und wo er zuerst versagen würde. Genau hier bleiben aber die meisten Studierenden hängen — nicht weil die Mathematik schwer wäre, sondern weil die Methode meist als Sammlung von Sonderfällen gelehrt wird. Diese Anleitung zeigt ein Verfahren, das für jeden Träger funktioniert, drei vollständig durchgerechnete Beispiele — und etwas, das kein Lehrbuch bieten kann: Jedes Beispiel lässt sich per Klick fertig aufgebaut im kostenlosen Rechner öffnen, zum direkten Vergleich mit der Handrechnung.

Was Q und M eigentlich sind

Schneiden Sie einen belasteten Träger an beliebiger Stelle — gedanklich, mit einer imaginären Säge — und betrachten Sie eines der beiden Teile. Damit es weder wegfliegt noch rotiert, muss die Schnittfläche innere Kräfte übertragen: eine Querkraft Q senkrecht zur Trägerachse, ein Biegemoment M, das den Querschnitt verdrehen will, und (bei Rahmen und geneigten Stäben) eine Normalkraft N entlang der Achse. Die Verläufe zeichnen nichts anderes als Q und M für jede mögliche Schnittstelle — eine Landkarte dessen, was das Material Zentimeter für Zentimeter aushalten muss.

Und warum das Ganze? Weil die Bemessung von den Extremwerten lebt. Das Maximum des Momentenverlaufs bestimmt die Querschnittsgröße (oder wohin die Bewehrung kommt); das Maximum der Querkraft bestimmt Bügel und Stegnachweise. Sind die Verläufe falsch, ist alles danach mit falsch.

Die zwei Beziehungen, die die ganze Arbeit machen

Alles über die Form der Verläufe folgt aus zwei kleinen Stücken Analysis:

dQ/dx = −q   — die Steigung des Querkraftverlaufs ist minus die Streckenlast.
dM/dx = Q   — die Steigung des Momentenverlaufs ist die Querkraft.

Integrieren müssen Sie von Hand nichts — nur die Konsequenzen kennen, am besten auswendig:

Auf einem Abschnitt mit…Querkraftverlauf QMomentenverlauf M
Keine LastKonstant (horizontal)Gerade (geneigt)
Gleichstreckenlast qGerade (geneigt)Parabel
EinzellastSprung um den LastwertKnick (Steigungswechsel)
Eingeprägtes MomentKein SprungSprung um den Momentwert
Q geht durch NullMaximum (bzw. Minimum)

Die letzte Zeile ist die Goldregel: Das Biegemoment wird genau dort maximal, wo die Querkraft durch Null geht. Diesen Punkt finden — und der maßgebende Querschnitt ist gefunden.

Das Verfahren, Schritt für Schritt

  1. Auflagerreaktionen bestimmen. Momentengleichgewicht um ein Auflager liefert die andere Reaktion; das Kräftegleichgewicht (ΣF = 0) dient als Kontrolle. Geneigte Lasten vorher in Komponenten zerlegen.
  2. Den Träger von links ablaufen und Q zeichnen. Bei Null starten, an jeder Auflagerkraft nach oben springen, an jeder Einzellast nach unten, unter Streckenlasten linear abfallen (Steigung = −q). Am rechten Ende müssen Sie wieder bei Null landen — wenn nicht, stimmt eine Reaktion nicht.
  3. M aus den Flächen unter Q aufbauen. Das Moment an jeder Stelle entspricht der Fläche unter dem Querkraftverlauf bis dorthin. An gelenkigen Auflagern und freien Enden gilt M = 0; an Einspannungen nicht.
  4. Das Maximum lokalisieren. Wo Q durch Null geht, markieren und M dort auswerten — das ist das Bemessungsmoment.
  5. Formen gegenprüfen anhand der Tabelle: Parabeln unter Streckenlasten, Knicke unter Einzellasten, Nulldurchgang an den Enden. Dreißig Sekunden Kontrolle fangen neunzig Prozent der Fehler.

Beispiel 1 — Einfeldträger mit Gleichstreckenlast

Der Klassiker: l = 6 m, q = 10 kN/m

Auflagerkräfte. Aus Symmetrie trägt jedes Auflager die halbe Gesamtlast: A = B = q·l/2 = 10 · 6 / 2 = 30 kN.

Querkraft. Beginnt mit +30 kN am linken Auflager, fällt linear (Steigung −10 kN je Meter), geht genau in Feldmitte bei x = 3 m durch Null und erreicht −30 kN am rechten Auflager. Schließt bei Null: ✓.

Moment. Eine Parabel, null an beiden Enden, Maximum beim Nulldurchgang von Q:

Mmax = q·l²/8 = 10 · 6² / 8 = 45 kNm in Feldmitte

q·l²/8 ist die meistgebrauchte Formel der Trägerbemessung — die kennt man auswendig.

Querkraft- und Momentenverlauf eines Einfeldträgers mit Gleichstreckenlast, maximales Moment q·l²/8 = 45 kNm
Im Rechner gelöst: A = B = 30 kN, parabelförmiges M mit 45 kNm in Feldmitte, linearer Q-Verlauf mit Nulldurchgang.

▶ Genau diesen Träger im Rechner öffnen

Beispiel 2 — Einzellast in Feldmitte

l = 6 m, F = 20 kN mittig

Auflagerkräfte. Wieder Symmetrie: A = B = F/2 = 10 kN.

Querkraft. Konstant +10 kN vom linken Auflager bis zur Last (lastfreier Abschnitt → horizontale Linie), dann ein Sprung um 20 kN nach unten auf −10 kN, konstant bis zum rechten Auflager. Schließt: ✓.

Moment. Zwei Geraden, die sich unter der Last in einem Knick treffen — null an den Auflagern, Maximum in Feldmitte:

Mmax = F·l/4 = 20 · 6 / 4 = 30 kNm unter der Last

Vergleichen Sie die beiden Beispiele: gleiche Spannweite, ähnliche Gesamtlast — aber die Streckenlast erzeugt eine runde Parabel, die Einzellast ein spitzes Dreieck. Wer diesen Unterschied kommen sieht, hat das Thema im Griff.

Querkraft- und Momentenverlauf eines Einfeldträgers mit mittiger Einzellast, maximales Moment F·l/4 = 30 kNm
Gelöst: konstante Querkraft ±10 kN mit 20-kN-Sprung, dreieckiges M mit 30 kNm unter der Last.

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Beispiel 3 — Kragarm mit Endlast

l = 3 m, F = 10 kN am freien Ende

Auflagerkräfte. Die Einspannung macht alles: Vertikalreaktion A = 10 kN plus Einspannmoment MA = −F·l = −30 kNm.

Querkraft. Konstant 10 kN über die gesamte Länge — eine Last, keine Streckenlast, nichts ändert sich.

Moment. Null an der freien Spitze, linear anwachsend bis −30 kNm an der Einspannung. Kragarme „hängen über“ (Zug oben) — daher das negative Vorzeichen, und daher liegt die Bewehrung einer Kragplatte oben.

Mmax = −F·l = −10 · 3 = −30 kNm an der Einspannung
Querkraft- und Momentenverlauf eines Kragarms mit Endlast, Einspannmoment −30 kNm
Gelöst: konstante Querkraft 10 kN, Moment linear anwachsend bis −30 kNm an der Einspannung.

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Über den Träger hinaus: dieselbe Idee am Rahmen

Nichts an Q und M ist trägerspezifisch — ein Portalrahmen sind nur drei „Träger“, zu einem П zusammengeschweißt, und jeder Stab bekommt seine eigenen Verläufe (plus Normalkraft N in den Stützen, über die die Dachlast in den Boden gelangt). Von Hand heißt das Kraftgrößen- oder Weggrößenverfahren — ein eigener Artikel. Sehen können Sie das Ergebnis aber sofort: Hier ist ein 4 × 3 m Portalrahmen unter Dachlast, mit demselben Ein-Klick-Link wie die Träger oben.

Momentenverlauf eines gelenkig gelagerten Portalrahmens unter Gleichlast, online berechnet
Der Portalrahmen gelöst: Eckmomente, Feldmoment im Riegel — und Normalkräfte in den Stützen.

▶ Portalrahmen-Beispiel öffnen

Die fünf Klassiker unter den Fehlern

  • Falsche Auflagerkräfte. Der häufigste Fehler steckt nicht im Verlauf, sondern in Schritt 1. Immer prüfen, ob der Querkraftverlauf am Ende auf Null schließt.
  • Sprungrichtung verwechselt. Aufwärtskräfte schieben Q nach oben, Abwärtslasten nach unten. Klingt banal, kostet jedes Jahr Punkte.
  • Geraden unter Streckenlasten. Eine Streckenlast biegt den Momentenverlauf immer zur Parabel. Eine gerade M-Linie unter einer Gleichlast ist ein Warnsignal.
  • Mmax an der falschen Stelle abgelesen. Das Maximum liegt beim Nulldurchgang von Q — nicht zwingend in Feldmitte und nicht unter der größten Last.
  • Vorzeichen-Chaos. Im deutschsprachigen Raum gilt: Momente werden auf der Zugseite angetragen. Welche Konvention auch immer — einmal wählen, dabei bleiben.

Jeden Träger und Rahmen prüfen — kostenlos im Browser

Der Buildref Schnittgrößen-Rechner zeichnet die kompletten M-, Q- und N-Verläufe, Auflagerreaktionen und Durchbiegung für Träger, Kragarme und 2D-Rahmen — Einzel-, Strecken- und geneigte Lasten, Gelenke inklusive. Ohne Anmeldung, ohne Installation; jedes Modell lässt sich als Link teilen (wie die Beispiele oben) oder als PDF exportieren.

Schnittgrößen-Rechner öffnen →

Schnellreferenz — Standardfälle

Für Klausurvorbereitung und schnelle Kontrollen: Querkraft und Biegemoment für die vier häufigsten Fälle auf einen Blick:

FallMax. Querkraft QMax. Moment MOrt des Maximums
Einfeldträger, Gleichstreckenlast qq·l/2q·l²/8Feldmitte
Einfeldträger, Einzellast F mittigF/2F·l/4Unter der Last
Kragarm, Gleichstreckenlast qq·l−q·l²/2Einspannung
Kragarm, Einzellast F am EndeF−F·lEinspannung

Für Lastannahmen, Teilsicherheitsbeiwerte und den Querschnittsnachweis nach Eurocode siehe Träger berechnen nach Eurocode.

Häufig gestellte Fragen

Wo liegt das maximale Biegemoment?
Genau dort, wo der Querkraftverlauf durch Null geht. Beim Einfeldträger mit Gleichstreckenlast ist das die Feldmitte; bei unsymmetrischer Belastung verschiebt es sich — immer zuerst Q = 0 suchen.
Was ist der Unterschied zwischen Querkraft und Biegemoment?
Die Querkraft ist die innere Kraft senkrecht zur Trägerachse am Schnitt; das Biegemoment ist die innere Drehwirkung dort. Q bestimmt Steg- und Bügelnachweise, M bestimmt Querschnittsgröße und Biegebewehrung.
Warum ist der Momentenverlauf unter einer Streckenlast eine Parabel?
Weil dM/dx = Q und dQ/dx = −q gilt. Unter konstantem q ist die Querkraft linear, das Moment als ihr Integral also quadratisch — eine Integrationsstufe, ein Polynomgrad mehr.
Was passiert an einer Einzellast?
Der Querkraftverlauf springt um den Lastwert, der Momentenverlauf bekommt einen Knick. Ein eingeprägtes Moment macht es umgekehrt: kein Sprung in Q, ein Sprung in M.
Gelten die Regeln auch für Kragarme und Rahmen?
Ja — die Verlaufsregeln sind universell. Kragarme starten am freien Ende (dort Q = 0, M = 0); bei Rahmen bekommt jeder Stab eigene Q- und M-Verläufe plus Normalkraft N.
Wie kontrolliere ich meine Verläufe?
Drei schnelle Checks: Q muss am Ende auf Null schließen; M muss an gelenkigen Auflagern und freien Enden null sein; Mmax liegt beim Nulldurchgang von Q. Für die Vollkontrolle den Träger im kostenlosen Buildref-Rechner nachbauen und vergleichen.

Die interaktiven Beispiele öffnen den kostenlosen Buildref Schnittgrößen-Rechner (Oberfläche auf Englisch) — er läuft im Browser, braucht kein Konto, und jedes Modell lässt sich als Link teilen. Verwandte Artikel: Trägerberechnung nach Eurocode und Kräfte zerlegen.

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